“Meine UWC-Erfahrung ermöglicht es mir bis heute, auf Menschen offener und feinfühliger zuzugehen, als ich es jemals gekonnt hätte. Aus diesem Grund habe ich meine Entscheidung von damals nicht einen Moment lang bereut.”
Im Alter von vier Jahren beschloss ich im Winter, meinen Schlitten verkehrtherum den Hügel hinaufzuziehen. Meine Eltern dachten damals, mir würde der Schnee Spaß machen und ahnten nicht, dass ich das ganz anders sehen würde. Ein paarmal fuhr ich alleine abwärts und brachte den Schlitten anschließend wieder auf die Spitze des Rodelhügels zurück. Nach einer Weile reichte mir das jedoch nicht mehr. Ich hatte es ohne fremde Hilfe sowohl nach unten als auch nach oben geschafft; alles andere war reine Wiederholung und daher nicht mehr attraktiv. So beschloss ich – mangels anderer Herausforderungen in Sichtweite – meinen Schlitten umzudrehen und ihn auf seiner Sitzfläche liegend nach oben zu ziehen. So lernte ich zum ersten Mal zwei Dinge kennen: Das Gesetz der Reibung und meine eigenen Grenzen. Brüllend wurde ich später auf den Rücksitz des Autos geladen.
Dreizehn Jahre danach suchte ich noch immer nach Herausforderungen – ich wählte sie allerdings mittlerweile gezielter und mit mehr Überlegung aus. Als ich über Schüleraustausche recherchierte, bekam ich einen Prospekt der United World Colleges in die Hände und machte große Augen bei einer Weltkarte, die mit türkisfarbenen Punkten dekoriert war. Jeder ein College. Jeder eine völlig eigene Welt. Den Namen “Swaziland” hatte ich bis dahin noch nie gehört, weshalb dieses Land, das auf der Karte selbst nicht viel größer war als der türkisfarbene Punkt, eine geradezu magische Anziehungskraft auf mich ausübte. Im Januar 1999 hatte ich ein UWC-Stipendium in der Tasche, einen riesigen gepackten Koffer inklusive Moskitonetz, und (in allerletzter Minute) einen jungfräulichen Reisepass. Ich war stolz und bereit, anstelle des umgedrehten Schlittens ein ganzes Land den Hügel hinaufzuziehen.
In den nächsten zwei Jahren lernte ich einige Dinge: Dass es auch in Afrika sehr kalt werden konnte (im Winter sanken die Temperaturen bisweilen nachts auf null Grad), dass man auch dort nicht nur gegrillte Heuschrecken und Termitenköniginnen, sondern unter der Woche auch Hühnchen und Reis aß, und dass Waterford Kamhlaba College völlig anders war, als ich erwartet hatte. Wir waren damals 66 Schüler im Jahrgang, davon nur zwölf UWC-Stipendiaten; der Rest setzte sich aus Expatriot-Kindern und anderen Schülern aus Swaziland und dem südlichen Afrika zusammen. Mit den meisten verbanden mich bald sehr enge Freundschaften, viele bis zum heutigen Tag, doch die Atmosphäre war nicht die einer Brutstätte für Weltverbesserer, sondern die eines “normalen” Internats, an dem man auf seinen Abschluss hinarbeitete und dabei lernte, für sich selbst zu sorgen. Die Schule wählte damals auch den Großteil ihrer Schüler nicht nach Persönlichkeit, sondern nach akademischen Leistungen aus – eine Tatsache, die mich in meinem Enthuisiasmus und Tatendrang manchmal maßlos enttäuschte: Als ich frisch ankam, war ich gespannt auf die vielen Menschen aus aller Welt, die mich freudig in ihren bunten Trachten begrüßen und mit mir Geschichten aus ihrer Heimat austauschen würden. Zu meiner Überraschung landete ich in einem Korridor, der außer mir hauptächlich Gangster-Rapper aus aller Welt beherbergte, die abends keine Geschichten über meine Heimat hören wollten, sondern lieber die physischen Grenzen ihrer Stereoanlagen austesteten. Ich lernte sehr schnell, dass zurechtgelegte Sätze wie: “Hallo, mein nigerianischer Freund und Zimmernachbar – weißt Du, in meiner Kultur pflegen wir eigentlich nachts zu schlafen” nichts halfen. Weltverbessern, Lektion #1: Erwarte nicht, dass man es dir leicht macht.
Das Leben am College war dennoch spannend, denn neben dem akademischen Bereich – Waterford galt als eine der besten internationalen Schulen Afrikas – bestanden die täglichen Herausforderungen in den kute-Umständen, die den schwarzen Kontinent in so vieler Hinsicht prägen. (“kute” ist ein Ausdruck im Siswati und bedeutet “es gibt nicht…”.) Kute Heizung (eine zu haben, war in diesem Teil der Welt unüblich), kute Telefon (die Leitung fiel regelmäßig aus), kute Faxgerät (beim letzten Gewitter vom Blitz getroffen), kute Email (der einzige internetfähige Rechner war bei meiner Ankunft nicht in Betrieb). Ab und zu kute heißes Wasser oder kute Strom – bis heute halte ich an der Gewohnheit fest, meine Taschenlampe immer griffbereit aufzubewahren, damit ich sie auch im Dunkeln finde. Weltverbessern, Lektion #2: Nimm das Unveränderliche mit Gelassenheit.
In den Ferien begann dann das, was mich bis heute als sehr lebendige Erfahrung begleitet: das Reisen auf dem Kontinent. Mit Freunden fuhr ich durch die Republik Südafrika, die sechs Jahre zuvor die aufplatzende Haut der Apartheid abgestreift hatte, dann durch Zimbabwe, das damals als “Afrika für Anfänger” galt. Wir schliefen in Backpacker-Hostels, fuhren durch Dörfer mit winkenden Kindern und lernten damit zu leben, dass alle Augen stets auf uns gerichtet waren. Wir fotografierten Löwenrudel, schwammen in glasklaren Gebirgsbächen und teilten uns einen Reisebus mit Tausenden von Kakerlaken. (Reisetipp: Wenn Sie mal in Mozambique sind, fahren Sie die 1600 km von Maputo nach Tete, es ist eine wunderbare Strecke. Aber vermeiden Sie die Busgesellschaft Transportes Claudio.) Wir schöpften die Welt und ihre Abenteuer mit vollen Händen.
Es ist nicht nötig zu erwähnen, dass das unmittelbare Erleben der bitteren Armut und allgegenwärtigen Ungerechtigkeit mich damals tief prägte und zwang, meine Vorstellungen und Werte zu hinterfragen. Dies traf auf das südliche Afrika im Allgemeinen zu, wie auch auf den College-Alltag selbst: Während wir UWC-Stipendiaten in unseren kleinen Zimmern bis spät in die Nacht Diskussionen über die Zukunft der Welt führten, saßen nebenan afrikanische Mitschüler, die nur ein Ziel hatten: 45 IB-Punkte und ein Stipendium für die USA, um endlich studieren zu können. Von diesem Traum hingen keinesfalls ihre Pläne ab, reich und berühmt zu werden, sondern oft ganz banal die Aussicht, sich selbst und ihre Familien selbständig ernähren zu können. Lektion #3: Weltverbessern ist ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann!
Wäre ich damals nicht nach Swaziland gegangen, dann hätte ich wahrscheinlich mein Abitur gemacht, anschließend an einer deutschen Universität Biochemie studiert und wäre jetzt Doktorand an irgendeinem Forschungsinstitut. Statt dessen bin ich heute Doktorand, forsche in Basel, habe vorher in Berlin gelebt und dort Biochemie studiert. Haben Sie den Unterschied bemerkt? Ich auch nicht. Fragt sich also: Was habe ich eigentlich von damals mitgenommen, außer einer demütigen Wertschätzung für fließendes Wasser, Strom und Telefon?
Vielleicht an erster Stelle eines: Ein klares Bewusstsein, wie groß und wunderbar unübersichtlich unser Planet ist, wie überraschend verschieden die Menschen, die ihn bewohnen. Damit verbunden ist aber auch ein Mangel an Berührungsangst mit Neuem und Fremdem, auf den ich – wenn überhaupt auf etwas, dann das – sehr stolz bin: Ich habe damals gelernt, dass die Diversität der Menschen neben ihrer Herrlichkeit auch durchaus ein Problem ist, aber vor allem für denjenigen, der darauf nicht vorbereitet ist. Meine UWC-Erfahrung ermöglicht es mir bis heute, auf Menschen offener und feinfühliger zuzugehen, als ich es jemals gekonnt hätte, und aus diesem Grund habe ich meine Entscheidung von damals nicht einen Moment lang bereut.
Und Waterford? Dort hat sich, wie ich erfahre, einiges getan: Es gibt mittlerweile ein Computerzentrum auf dem Campus (30 Rechner! Breitband-Internet!), ein Amphitheater und neue Wohngebäude für die Schüler. Der Anteil der UWC-Stipdendiaten wurde aufgestockt, ein ‘Development Office’ gegründet und die Schule erfolgreich aus ihren damaligen finanziellen Problemen herausnavigiert. Kaum ist man weg, setzt der Fortschritt ein – selbst in Afrika.
Ob die Duschen allerdings besser funktionieren als früher, weiß ich nicht genau. Nachrichten brauchen manchmal lange von Swaziland bis hierher…
Uli Rockenbauch war 1999-2000 am Waterford Kamhlaba UWCSA in Swaziland. Er lebt und arbeitet in Basel und ist seit zehn Jahren für UWC Deutschland aktiv. Einen Schlitten hat er immer noch.