Julian Lee, Atlantic College 96-98

„Ich wurde nicht in ein Internat geschickt, ich habe mir eine Erfahrung ausgesucht. Bis heute würde ich diesen Schritt als den besten meines Lebens bezeichnen.”

Eigentlich hätte ich nicht aus Villingen im Schwarzwald wegziehen müssen. Ich hatte gute Freunde, die Schule machte mir nichts aus, ich kam gut mit meinen Eltern klar, ich war noch nicht mal vom Landleben gelangweilt. Nein, ich war ein Beispiel derer, die für die UWCs so typisch sind: Ich wollte nicht weg, ich wollte dorthin. Ich wurde nicht in ein Internat geschickt, ich habe mir eine Erfahrung ausgesucht. Bis heute würde ich diesen Schritt als den besten meines Lebens bezeichnen.

1996 am Atlantic College in Wales angekommen, waren es meine Freunde aus aller Welt, die mir die Augen für ihre Länder, Kulturen, Probleme, und Eigenheiten geöffnet haben. Neugierig war ich auch schon vorher. Die Neugierde stillen konnte kein Ort besser als ein UWC.

Unterricht, Seminare, Gastredner, aber besonders Diskussionen mit und Besuche bei College-Freunden in Indien und Tansania haben mich dazu bewegt, in Kanada Entwicklungshilfe zu studieren. Bereits während des Studiums konnte ich auf das UWC Netzwerk zurück greifen: Kommilitonen, die ebenfalls von einem UWC kamen, hatten ähnliche Interessen, Ideale und Erfahrungen, und formten sogleich eine lose, aber emotional besonders verbundene Gruppe.

Berufsbedingte Umzüge nach Sarajewo, Genf, Kigali und Montreal begannen immer mit einer Email an die UWC Gemeinde, und jedes Mal fanden sich Ehemalige, die sich treffen, mir Tipps zu meiner neuen Heimat geben, und Freundschaften schließen wollten.

Heute versuche ich, die UWC-Ideale in meinem Beruf zu leben. Nach Stationen in der Entwicklungshilfe bei der Weltbank Gruppe in Bosnien, der schweizer Nichtregierungsorganisation „Centre for Applied Studies in International Negotiations“ und dem Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen UNDP in Kigali leite ich heute die CO2-Kompensationsorganisation Planetair in Montreal, arbeite für Unisféra (einer gemeinnützigen Consultingfirma) an umweltpolitischen Themen, und berate für die amerikanische Beratungsfirma „Ayrlie Partners“ Firmen bei Fragen der unternehmerischen Verantwortung.

In der UWC-Bewegung habe ich mich auch nach meinem Schulabgang 1998 weiterhin engagieren können. Ein einmonatiges Praktikum in der Geschäftsstelle der Deutschen Stiftung, vier Wochen als „Animateur“ eines UWC „Short Courses“ auf Zypern, Spenden-Recherche für den Aufbau des UWCs in Mostar während meiner Zeit in Sarajewo, Hilfe bei der Auswahl ruandischer Stipendiaten in Kigali, und Fundraising während des 10-jährigen Ehemaligentreffen am Atlantic College – dieses Engagement ist der Beweis dafür, dass mich meine Zeit am UWC bis heute prägt und ich von der Idee weiterhin überzeugt bin.