Hawi, Lester B. Pearson UWC 09-11
„Meine Klassen sind hier ganz anders als zu Hause, man wird ermutigt zu diskutieren, zu hinterfragen und nachzuforschen, um sich selbst Dinge zu erarbeiten und auch von anderen, nicht nur von Lehrern zu lernen.”
Das erste Halbjahr in Pearson war eine unglaubliche Erfahrung. Ich habe Menschen aus mehr als 100 Ländern kennengelernt und viel über sie und ihre Länder erfahren. Darüber hinaus habe ich durch Gespräche und Diskussionen mehr über Umwelt, Geschichte und Politik gelernt und mein Horizont hat sich um ein Vielfaches erweitert. Pearson College ist etwas abseits von der Stadt, von immergrünen Wäldern und dem wunderschönem Pazifik umgeben. Dieser Vorteil wird genützt, indem wir als Aktivitäten unter anderem Kayaken, Segeln und Tauchen angeboten bekommen. Eine meiner eigenen Aktivitäten ist “Special needs Art and Recreation“, wo uns jeden zweiten Mittwoch eine Gruppe Jugendlicher mit unterschiedlichen Behinderungen besucht, mit denen wir viele tolle Sachen unternehmen. Zu sehen, wie sie sich über scheinbar kleine Dinge, wie ein Bild, ein lustiges Spiel oder basteln, freuen, hat mich gelehrt, viele Sachen zu schätzen, die ich vorher für unwesentlich gehalten habe.
Meine Klassen sind hier ganz anders als zu Hause, man wird ermutigt zu diskutieren, zu hinterfragen und nachzuforschen, um sich selbst Dinge zu erarbeiten und auch von anderen, nicht nur von Lehrern zu lernen. Vor allem die Naturwissenschaften sind sehr praxisorientiert, wir machen viele Versuche, was zum besseren Verständnis des Stoffes beiträgt. Ein äußerst interessantes Fach, das nur am Pearson College angeboten wird, ist Anthropologie, in dem wir schon zwei Ethnographien, eine über das Volk Dobe Ju/‘hoansi in Botswana und die andere über ein Volk im Himalaya, gelesen und besprochen haben. Hier werden Kulturen genauer betrachtet, Vorurteile aus dem Weg geschafft und mit der eigenen Kultur verglichen.
Die Tatsache, dass man mit 40 Leuten in einem Haus wohnt und 3 Zimmermitbewohner (in meinem Fall: Chezev aus Trinidad und Tobago, Malakai aus Kanada, Judy von den Philippinen) hat, ist eine sehr spannende Erfahrung. So lernt man selbstständig und diszipliniert zu sein und Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen. Man lernt in einer solchen Gemeinschaft auch viel über sich selbst und entdeckt sowohl positive als auch negative Merkmale an sich, von denen man nichts geahnt hatte. Natürlich ist es nicht immer leicht, weil man nicht viel Privatsphäre hat und manchmal Konflikte auftreten, aber mit der Zeit wächst man daran und lernt damit umzugehen.
Das Besondere an Pearson sind „Regional Days“: Sechs Samstage in den zwei Jahren, die ich hier verbringe, sind je einer bestimmten Region dieser Welt gewidmet. Nachdem man morgens von Vertretern der jeweiligen Region mit Pauken und Trompeten (wortwörtlich!) aufgeweckt wird, gibt es den ganzen Tag über Workshops rund um die Region, wie z.B. Henna Malen beim Middle-Eastern Regional Day. Zum Abendessen gibt es immer ein Motto, für das alle viel Aufwand in ihr Kostüme stecken, was zu tollen Ergebnissen führt. Anschliessend gibt es eine unglaublich fantastische Show mit kleinen Stücken, Gedichten, Zitaten und vor allem Tänzen. Wer nicht schon vorher tanzen konnte, der kann es spätestens nach dem ersten Regional Day!
Wir haben nie mehr als drei Wochen, um die Choreographien alle einzustudieren und an ihnen zu feilen. Dabei sind Schüler sowohl in der Rolle der Lehrer, wie auch in der Rolle der Lernenden. In den dreieinhalb Monaten hab ich schon 10 Tänze aus aller Welt, traditionelle und moderne, gelernt. Es ist sicherlich sehr anstrengend und viel Arbeit für alle, aber zu sehen, was man zusammen erreicht hat, gibt einem ein unbeschreibliches Gefühl.
Was ich hier am Meisten schätze ist, dass ich immer ich selbst sein kann. Man muss sich nicht verstellen, keine bestimmte Kleidung tragen oder etwas bestimmes denken, weil es alle tun und man sonst ein Außenseiter wäre, wie es leider in der Gesellschaft oft so ist. Jeder denkt, kleidet sich und verhält sich etwas anders als der andere, und genau das ist es, was uns als Menschen ausmacht – dass wir verschieden sind.

Hawi mit einigen weiteren Schülern nach einem fünfstündigen Kayak-Trip
Erstaunlich ist auch, wie viele Möglichkeiten ich hier gesehen habe, neue Sachen auszuprobieren und sich selber herauszufordern, um seine Grenzen auszutesten. Beispielsweise habe ich am Great Lake Walk teilgenommen, bei dem man 56km um einen See walkt bzw. läuft. Um 5 Uhr morgens sind wir aufgebrochen, und zusammen mit zwei anderen bin ich nach 12h 23min total erschöpft und am Ende meiner Kräfte angekommen. Die ersten paar Stunden waren wirklich sehr lustig, wir redeten, lachten und hörten Musik, aber die letzten 20 km waren trotz Getränken und Snacks, die wir an Zwischenstopps bekamen, eine Qual (gigantische Blasen am Fuß machen es einem nicht leichter), durch die wir uns aber mit Willenskraft und gegenseitiger Ermutigung durchkämpften.
Am Ziel fragt man sich zuerst, warum man sich so etwas angetan und dafür auch noch Geld gezahlt hat, aber das tolle Gefühl, es geschafft zu haben, überwiegt, schließlich kann nicht jeder sagen, er sei eine Strecke von 56 km gelaufen, außerdem hat mir das wieder gezeigt, dass eigentlich alles möglich ist und man alles erreichen kann, wenn man nur will.
Pearson College ist das Beste, was mir je passiert ist, ich habe auch von anderen immer dasselbe gehört und ich bin so dankbar dafür, das alles erleben zu dürfen. Momentan habe ich Ferien, und es tut gut, mal wieder lang schlafen und entspannen zu können. Man merkt nämlich erst, wenn man außerhalb vom Campus ist, wieviel Energie das UWC-Leben einem abverlangt. Aber ich freue mich, bald mit neuer Energie und Enthusiasmus wieder zurückzukehren und hoffe auf ein ebenso tolles zweites Halbjahr!
